Das Paket fährt Tram






Frankfurt am Main

Herbert Riemann hat es am eigenen Leib erfahren: Als Paketbote ein Lastenrad durch den Stadtverkehr zu bugsieren ist nicht ganz ohne. Besonders in einer Stadt wie Frankfurt am Main. Es herrscht einfach zu viel Verkehr, und genau das will er mit seiner Logistiktram ändern. 2017 hatte Riemann zusammen mit Klaus Grund das Projekt ins Leben gerufen und eine Förderung in Höhe von 30.000 € vom Frankfurter Energiereferat erhalten.

 

Mitte April startete der erste Praxistest in der hessischen Metropole, begleitet von der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). „Wir haben vier Tage lang Pakete zusammen mit Hermes ausgefahren“, erklärt Riemann. „Ich bin das Lastenrad gefahren, und ein Hermes-Mitarbeiter ist auf einem Rad vorneweg. Er hat die Tour geplant und kannte den Weg.“

 

Die Logistiktram kurz erklärt

 

Ziel der Logistiktram ist es, den Lieferverkehr und CO2-Emissionen in den Innenstädten zu reduzieren. Kep-Dienste sollen ihre Sendung in speziell entwickelte Container laden – quasi in mobile Mikrodepots. Diese werden dann mit der Straßenbahn ins Zentrum gefahren und dort auf Lastenräder umgeladen.

 

Riemann glaubt, dass eine Logistiktram irgendwann und unter den richtigen Voraussetzungen die Innenstadt-Transporter der Kep-Dienste ersetzen kann. Sogenannte Flachwagen, für den Güterverkehr entwickelte Straßenbahnwaggons, sind laut Riemann eine dieser Voraussetzungen­.

 

„Ein Flachwagen kostet rund 500.000 EUR und ersetzt bis zu 20 Lieferwagen“, sagt er. Wenn die Politik dann noch darauf bestünde, dass der Lieferverkehr CO2-frei gestaltet wird, und Paketdienste in Elektrofahrzeuge investieren müssten, „dann wäre ein solches System konkurrenzfähig“. Außerdem sei ein Flachwagen deutlich langlebiger als ein Sprinter. Darüber hinaus würden Kep-Dienste eine Stunde Arbeitszeit pro Lieferwagen sparen, so Riemann – schließlich müsse der Zusteller nicht selbst erst vom Paketzentrum in die Innenstadt fahren, sondern wäre direkt vor Ort.

 

Und die Container könnten markiert werden, was es für Kep-Dienstleister interessanter machen soll. „Dann fahren lauter bunte Boxen mit der Logistiktram.“

 

Riemann steht hinter seinem Konzept, bleibt aber zugleich realistisch. Er glaubt nicht, dass seine Idee schon morgen umgesetzt wird. „Da müssen noch viele Bretter gebohrt werden“, sagt er – auch seitens der Städte und Verkehrsbetriebe.

 

Der Reality-Check

 

„Während des Tests haben wir in zwei Zustellgebieten ausgefahren. Das waren immer so rund 150 Pakete­“, erklärt Riemann. Er ist mit dem Ergebnis durchaus zufrieden. Aber als Vater des Projekts hat er natürlich eine paar Verbesserungsvorschläge. Die Kupplung zwischen Fahrrad und Anhänger müsste beispielsweise optimiert­ werden. Es habe Situationen gegeben, in denen der Anhänger vom Rad getrennt werden musste, beispielsweise um auf engem Raum umzudrehen. Aufgrund des zusätzlichen Sicherungsseils gestaltete sich das aber als recht aufwendig.

 

Aber der Zugriff auf die Pakete habe gut funktioniert. Die Box habe oben einen Deckel und müsse dementsprechend beladen werden – kein Problem für Projektpartner Hermes. Aber bei Regen wären sicher ein paar Zusatzeinrichtungen nötig. „Das war der erste Versuch auf der Straße überhaupt“, resümiert Riemann. „Man wird nie auf Anhieb das perfekte System hinstellen.“

 

Für den Praxistest verkehrte die Logistiktram zwischen dem Betriebshof Gutleut in der Nähe des Hauptbahnhofs und dem Frankfurter Messegelände. Das sind gerade mal 2 km, was laut Riemann aber unerheblich sei. Denn letztendlich sollte das Zusammenspiel zwischen Logistiktram und Lastenrad unter die Lupe genommen werden. Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF), ebenfalls Projektpartner, hatte die Haltestellen aufgrund der günstigen Lage ausgewählt und dort spezielle Rampen gebaut­.

 

In Frankfurt wurden zunächst normale Trams und keine Flachwagen eingesetzt. Somit konnten maximal drei Kisten mitgenommen werden. „Das ist deutlich weniger als in einen Lieferwagen passt“, sagt Riemann. Er versteht, dass die VGF nicht sofort investieren, sondern die Logistiktram zunächst ausprobieren möchte. „Aber wenn man eine echte Alternative bieten will, wird man an großer Technik nicht vorbeikommen“, betont Riemann.

 

Blick in die Zukunft

 

Auch im Straßenverkehr ist Vintage scheinbar wieder in. Denn die Idee, Pakete mit der Straßenbahn zu befördern, ist nicht neu. In Hannover gab es beispielsweise eine Logistiktram bis Mitte und in Frankfurt bis Ende der 50er-Jahre. Es gibt auch neuere Beispiele – wie die Cargotram in Dresden, die seit Dezember 2001 Güter zur Gläsernen Manufaktur von Volkswagen liefert.

 

Das System klingt zunächst recht simpel, hat aber seine Tücken. Die Tramhaltestellen müssen barrierefrei sein, damit die Container per Hubwagen ein- und ausgeladen werden können. Für den Vorgang muss der Zug auch länger halten als für Fahrgäste und belegt somit die Haltestellen länger. Das könnte zu Verzögerungen im Personennahverkehr führen. Und weil Güter und Personen nicht in derselben Straßenbahn unterwegs sein dürfen, müssen extra Straßenbahnen eingesetzt werden.

 

Wie es mit der Logistiktram in Frankfurt weitergeht, ist noch unklar. „Es sind einfach zu viele Projektpartner involviert, um das ad hoc zu entscheiden“, sagt VGF-Pressesprecherin Karola Brack. Aber man stünde neuen, verkehrsmindernden Kep-Projekten weiterhin offen gegenüber. „Es entspricht der Philosophie der VGF, solche Konzepte zu testen. Denn Mobilität ist ein Zukunftsthema“, sagt Brack. „Ob das Projekt am Ende so umgesetzt wird oder vielleicht ganz anders aussieht, ist schwer zu sagen.“

 

Riemann hofft indessen, dass auch andere Städte Interesse an der Logistiktram äußern – Städte, die beispielsweise bereit sind, in einen Flachwagen zu investieren, um das Be- und Entladen zu erleichtern. Zudem glaubt er, dass die Logistiktram in Zukunft mehr oder weniger autonom arbeiten kann. Wie bei einer Müllabfuhr würden die vollen Boxen automatisch an der entsprechenden Haltestelle abgeladen und die leeren am Abend wieder eingesammelt. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik.

 

 

Der Artikel erschien zuerst in der DVZ. Bildqulle: Adobe Stock

 

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